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Hamburg am Pranger (4) (OEIL)

Ralf Köster aka Rüftata 110:

Mein Hamburg

Mein Hamburg hat sich augenscheinlich sehr verändert in den vergangenen Jahren, nur wie? Und wohin? Gern erinnere ich mich an das „Union Kühlhaus“ in Neumühlen, das inzwischen ein Seniorenstift für die pensionierte Upper Class geworden ist. Dort konnte man im Sommer überwintern, wenn man beim illegalen Einstieg eine Taschenlampe dabei hatte, sonst hätte man sich schnell die Beine gebrochen, es war stockfinster. Die gesamte Hafenrandbebauung hat bei mir ein sentimental melancholisches Loch hinterlassen. Meine Welt sind die Ruinen, mir fehlen die dysfunktionalen Denkmäler einer Vergangenheit, für die es kaum noch Zeugen gibt. Bemerkenswerte Ausnahme ist der Park Fiction.
Ein von Anwohnern selbst gestaltetes Kleinod mitten im touristisch flachgewichsten St. Pauli. Hier steht der „Golden Pudel Club“, von Rocko Schamoni und Dr. Pommes samt ihrer Gang mit der eigenen Hände Arbeit Stein auf Stein errichtet. Hier ist mein Arbeitsplatz, der schönste der Welt, mit Blick auf den Hafen, wo die großen Schiffe keinen Schlaf mehr finden, weil die Bassline der Globalisierung dunkel wummernd einen Takt vorgibt, der ohne Pausen, ohne Zäsuren, ohne Kontemplation auskommen muss. Ich liebe diesen Sound und singe dazu den Fado des Zwangsprivilegierten.

Vom „Pudel“ zur Marktstraße, wo ich wohne, gelange ich über Schleichwege, die ich niemandem verrate, nicht einmal meiner Frau, obwohl sie den gleichen Arbeitsweg hat. Sie schmeißt nämlich das „Pudel“-Café namens „Theaterbistro Knallfrosch“, das jetzt täglich tagsüber geöffnet hat, ihr solltet mal kommen und es ausprobieren. Unterwegs freue ich mich über Graffiti und Interventionen, über die vielen kleinen Verschandelungstaten, die dem Lebensgefühl in Hamburg einen halbwegs urbanen Anstrich geben, außer Hundekacke, die finde ich Scheiße, mir ist Katzenkot lieber. Der ungeplanten Kunst im öffentlichen Raum erweise ich meinen Respekt, hier ist die Stadt Spitze, auch im Unverständnis. In meinen Gedanken bin ich bei „OZ“, der alten Hütte.
Musik Fetischisten Ohren Charakter, MFOC, das ist meine Kunst seit über 13 Jahren, jeden Sonntag im „Pudel“ und sporadisch bei den Bunker-Fritzen vom Übel & Gefährlich. Immer dabei: Superdefekt,Hamburgs bester vinylfreier DJ, und C.I.Alex Solman, der talentierteste Postkartenmaler der Nachkriegszeit. Ansonsten: Kalte Platten gibt’s bei Otaku in der Feldstraße, warme Speisen in Brachmanns Galeron in der Hein-Hoyer.Noch ein Wort zur Hamburger Musikkultur. Die ist besser als gefühlt.
Geht mal in andere Städte und langweilt euch dort. So wie Felix Kubin, der zieht nach Würzburg, schade.
Ralf Köster

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