Hamburg am Pranger (5): Das Ende vom Molotow

Offizielles Statement zur aktuellen Situation vom Molotow (http://www.molotowclub.com/)

So, nun ist es raus. Das Molotow zieht die Notbremse und kündigt seinen Mietvertrag. Wie konnte es soweit kommen?

Das Molotow ist in einer grotesken Situation. Trotz gleichbleibend guter Besucherzahlen bei Konzerten bleibt immer weniger Geld übrig.

Ein zentrales Problem ist, dass die Produktionskosten für ein Konzert – als da wären: horrende Gema-Gebühren, Unterbringung und Verpflegung der Künstler, Gage (die in aller Regel nur eine prozentuale Beteiligung an den Eintrittseinnahmen ist), Tontechniker, Aufbauhelfer etc. in einem kleinen Club dieselben sind wie in einem großen. Das führt dazu, dass wir, wie z.B. in diesem Frühjahr mit einem Konzert Minus machen, obwohl über 200 Gäste Eintritt bezahlt haben.

Da sich eine Live Show nur im allerseltensten Fall allein aus Eintrittsgeldern finanzieren lässt, war es immer nötig, den Getränkeumsatz in die Kalkulation einzubeziehen, was zwar kaufmännisch falsch, aber leider unumgänglich ist. Der Getränkeumsatz, der darüberhinaus auch noch alle festen Kosten des Clubs (Miete, Löhne, Sozialabgaben, Steuern, Strom etc.) decken muss, ist aber leider in der letzten Zeit kontinuierlich gesunken und Anfang dieses Jahres geradezu eingebrochen. Das mag einerseits am Rauchverbot liegen, andererseits auch an der immer größeren Dichte von Kiosken, Imbissen und Discountsupermärkten die billige Getränke anbieten.

Mir war immer klar, dass man mit einem Laden wie dem Molotow kein Geld verdient, so etwas macht man aus Spaß und Idealismus. Das wissen auch meine Mitarbeiter, sonst würden sie sich nicht für relativ wenig Geld derart hart und engagiert arbeiten. Problematisch wird es, wenn man Geld verliert. Und dieses Problem ist leider so groß geworden, dass sich das Molotow ohne fremde Hilfe nicht mehr finanzieren lässt.

Nach 18 Jahren ist es mir mehr als schwer gefallen die Kündigung des Mietvertrages in den Briefkasten zu werfen. Es ist nicht nur die Trauer um mein “Baby”, sondern auch die Trauer um ein ehemals blühendes, international berühmtes Szeneviertel, um das uns die ganze Welt beneidet. Es ist überall unter den Namen “Reeperbahn” bzw. “St. Pauli” bekannt und diese beiden Namen kennt man im Ausland sogar eher als den Namen unserer Stadt selbst. Die scheint dies jedoch nicht zu erkennen und sieht zu, wie Läden, die das einzigartige Flair dieses Viertels ausmachen, schließen und durch Supermärkte, Ketten und Systemgastronomie ersetzt werden. Die Liste der bereits verlorenen Musikclubs auf St. Pauli ist lang. In den letzten Jahren haben u.a. Marquee, Tanzhalle, Weltbühne, Echochamber oder Click ihre Türen geschlossen – um nur die bekanntesten zu nennen. Das Kukuun tut es gerade und das Mandarin Kasino – ehemals Mojo Club – muss im nächsten Jahr einem Neubau weichen. Dies wird solange weitergehen bis die Reeperbahn wie irgendeine beliebige Hauptstraße aussieht, wie es sie in jedem Viertel in jeder Stadt gibt.
Und wenn es erstmal soweit ist, kann man das nicht mehr umkehren.

“Was weg ist, ist weg”, sagt man in Hamburg – und das ist leider wahr.

Andi Schmidt, Inhaber und Betreiber

Das große Clubsterben in Hamburg, wann hat es ein Ende? Wo bleibt die zeitgenössische Musik, wo bleiben Ausgehorte für Menschen, die nicht dem öden Schanzenstyle entsprechen? Ich bin entsetzt. Aber in diesem Fall scheint nichts mehr möglich zu tun.

EDITH:

www.rettet-das-molotow.de

Für alle, die aktiv an der Rettungsaktion teilnehmen wollen: Am 24.07. (Donnerstag) um
21:00 treffen wir uns wieder in der MeanieBar!

2 Antworten

  1. Ich teile das Entsetzen. Und wandere aus, wenn oder falls die Markthalle oder die Fabrik schließt. Warten Sie – oder Kampnagel. Undundund.

  2. Argh! Erschrecken Sie mich doch nicht so!

    Malen Sie den Beelzebub doch bitte woanders hin, aber nicht an die Wand! Ich finde besonders schlimm, dass die “alternativen” Orte reihenweise verschwinden, während “gehobenes Entertainment” in Form exklusiver Läden, unnötiger Elbphilharmonien und zu verachtender Schifffahrtsmuseen sich nicht nur ungehindert ausbreiten kann, sondern oft auch noch mit Unsummen gefördert wird.. Summen, die ungefähr 1000 alternative Spielstätten erhalten könnten. Aber hey, Hamburg braucht ja “Talente” von außen, wen kümmern die bereits anssässigen!

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