Worum es geht:
Insulinpflichtige Diabetiker (Typ 1) leben mit einem Handicap, das viel Einsatz, Disziplin und Kontrolle von ihnen verlangt. Ständige Blutzuckerkontrolle und Injektionen, Planung von Sport und Mahlzeiten, Arztbesuche und Untersuchungen und die Angst vor Folgeerkrankungen begleiten sie.
Im Gegensatz zum Diabetes mellitus Typ 2 ist es nicht möglich, einem Typ-1-Diabetes vorzubeugen. Diese Erkrankung lässt sich nicht heilen. Es ist aber eine chronische Krankheit, die sich gut behandeln lässt. Nur ist die Behandlung teuer.
Das sogenannte analoge Insulin kann bei der Therapie mit dem Ziel einer guten Blutzuckereinstellung sehr hilfreich sein.
Warum? Es imitiert die Wirkungsweise der Bauchspeicheldrüse besser als das Normalinsulin. Beim gesunden Menschen geben die Inselzellen der Bauchspeicheldrüse beim Essen das von ihnen produzierte Insulin direkt in die Blutbahn ab. In kürzester Zeit wird es im Körper verteilt, seine Blutzuckersenkende Wirkung beginnt praktisch sofort, um bereits nach wenigen Minuten abzuklingen. Das Normalinsulin hingegen braucht länger, bis es wirkt, und länger, bis es abklingt. Das heißt: Für einen Diabetiker, der Normalinsulin vor einer Mahlzeit spritzt, bedeutet dies, dass er je nach Blutzuckerwert mindestens 15 Minuten mit dem Essen warten sollte, damit der Wirkungsbeginn des Insulins mit dem Blutzuckeranstieg der Mahlzeit zusammenfällt. Ein Essen in Gesellschaft, in einer kurzen Pause? Fast unmöglich.
Dazu kommt: Normalinsulin wirkt viel länger als das eigene Insulin eines Gesunden: es hat eine Wirkdauer von etwa sechs Stunden, bei hoher Dosis auch mehr. Damit es nicht zur Unterzuckerung kommt, muss man in der Regel eine Zwischenmahlzeit einplanen. Und die darf man nicht vergessen, damit es nicht zu einer Unterzuckerung kommt! Ungeplante Zwischenmahlzeiten innerhalb der Wirkungsdauer des Insulins? Nicht empfohlen.
Auch mal spontan essen und ohne nach dem Spritzen warten zu müssen? Vergessen Sie’s.
Analoges Insulin ermöglicht dem Typ 1-Diabiker ein großes Stück mehr Normalität: Bei einem Blutzucker im Zielbereich kann gespritzt und sofort gegessen werden. Es ist sogar möglich, erst nach dem Essen zu spritzen, ohne dabei einen überhöhten Blutzucker zu riskieren. Dies ist immens wichtig, wenn man nicht weiß, wie groß die Mahlzeit ausfallen wird, z.B. im Restaurant, oder wann sie kommt oder ob man sie aufessen möchte… alles ganz normale Faktoren, die jeder von uns kennt!
Die sehr schnell und kurz wirkenden Analoginsuline machen den Blutzucker also besser steuerbar als herkömmliches Normalinsulin und sie erlauben einem Diabetiker mehr Freiheiten im Tagesablauf.
(Vom Basalinsulin wollen wir hier mal nicht reden, auch hier ist Analoginsulin in vielen Fällen vorteilhaft).
Warum ich Ihnen das erzähle?
Der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) der Krankenkassen will die Kosten für Analoges Insulin (außer in seltenen Ausnahmefällen) nicht mehr tragen bzw. erstatten. Sie sind teurer als Normalinsulin, etwa 20-30 Prozent.
Bereits im Februar 2008 hatte der G-BA geplant, kurzwirksame Insulinanaloga für Typ-1-Diabetiker aller Altersgruppen von der Erstattung auszuschließen. Das Bundesgesundheitsministerium (BMG) hatte den Beschluss im Mai 2008 beanstandet und angeordnet, dass die Kassen die Präparate für Typ-1-Diabetiker bis zur Vollendung des 18. Lebensjahres trotz höherer Kosten übernehmen müssen.
Im Anschluss beauftragte der G-BA ein Institut, das IQWiG, den Nutzen von kurzwirksamen Insulinanaloga für die Behandlung des Typ-1-Diabetes speziell bei Kindern und Jugendlichen zu untersuchen. Das Institut hatte wegen mangelnder Datenlage, insbesondere Langzeitstudien, keine Belege für einen Zusatznutzen gefunden. Analoginsuline sind seit etwa zehn Jahren in Deutschland zugelassen. Die Gewinne im Hinblick auf Lebensqualität usw. wurden als nicht quantitativ abgetan (ich habe tatsächlich in die Studie reingelesen). Der G-BA schlussfolgert daraus, dass sich das angestrebte Behandlungsziel auch mit Humaninsulin ebenso zweckmäßig, aber kostengünstiger erreichen lasse.
Die betroffenen Verbände können noch bis 20. April Stellung zu dem Beschluss nehmen und Erkenntnisse vortragen, die das IQWiG in seiner Bewertung nicht berücksichtigt hat. Die DDG und der Verband der Diabetes-Beratungs- und Schulungsberufe in Deutschland (VDBD) wollen sich mit einer Petition im Deutschen Bundestag für die weitere Kostenübernahme durch die Kassen einsetzen.
Ob das BMG den generellen Erstattungsausschluss dieses Mal akzeptieren wird? Wer gewinnt, die Krankenkassen und der allseits als Teufel an die Wand gemalte Kostendruck? Die Interessen der Patienten?
Votum:
Gott gebe, dass Analoges Insulin erstens keine Langzeitschäden mit sich bringt und dass es jedem Diabetiker, der es benötigt und einsetzen will, auch verschrieben wird.
Bei einem Leben mit Behinderung geht es nicht nur um ein Handling der Krankheit, es geht auch um eine möglichst normale Teilhabe am menschlichen Leben. Verdammt noch mal!!
Lesen Sie auch hier bei Magrat und finden Sie hier die Petition.
Genauso beschissen:
Urin- und Blutzuckerteststreifen für nicht insulinpflichtige Typ-2-Diabetiker sollen nach dem Willen des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA) von der Erstattung durch die Krankenkassen ausgeschlossen werden. (…) Die IQWiG-Bewertung habe weder für die Blutzucker- noch für die Urinzuckerselbstmessung einen Nutzenbeweis ergeben, so der G-BA. (…) … keine positiven Auswirkungen auf Morbidität und Mortalität (…)
Nee, ist klar. Typ 2-Diabetiker können ihren Blutzucker ja auch schätzen oder auspendeln.
HÖREN SIE BEIM G-BA NOCH DIE EINSCHÜSSE??????
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Toller Artikel, und so ausführlich. Das ist schon ein anderer Schnack als meine faule Verlinkung auf Magrats Artikel.
Hoffen wir mal, dass die Petition Erfolg haben wird. Diese Pläne machen mich wütend. Da gibt’s an genug anderen Ecken so viel Sparpotential, aber bei Menschen, denen es eh schon nicht gut geht, wird dann noch mal draufgedroschen.
Also ich (Typ 2, quasi schizophren;-) kann meinen Blutzuckerspiegel intuitiv relativ genau einschätzen finde ich. Naja die durchaus wohlmeinende AgressivSchelte von ebenfalls Betroffenen muss man wegstecken können natürlich. Das erhöht nur unnötig den Blutzuckerspiegel ey.
Schließe mich dem Fellmonsterchen an.. für einen solch toll geschriebenen, ausführlich recherchierten Artikel hätte ich momentan gar nicht die Nerven gehabt… Also hier auch nochmal ein dickes DANKESCHÖN!!!
Merci Felli! Aber ohne Deinen Link hätte ich das bei Magrat gar nicht so schnell gelesen
Sie sind aber auch immer geschmeidig, Spill!
Danke, Magrat. Ja, dass so etwas an die Nerven geht, das weiss ich!