Was macht ein Mensch mit seinen hunderttausend Barcodes? Welche Zahl würde ich mir aussuchen? Wäre ich in der Lage, mit jemandem zusammenzuleben, ohne permanent gereizt zu sein? Verbraucht sich die Liebe irgendwann? Was machen Punks, wenn ihre Kinder in das Alter kommen, in dem sie die Nächte durchmachen oder Drogen konsumieren? Wie wäre es, wenn mein Sohn Priester werden wollte?
Wie tolerant bin ich? Könnte mein Sohn ein Nazi werden? Wie lebt es sich in einem besetzten Land? Wenn ich im Ausland leben müsste, würde ich mich integrieren wollen? Oder würde ich mir einen Brotbackautomaten kaufen, eine Satellitenschüssel, um deutsches Fernsehen zu empfangen und zu Hause weiter deutsch sprechen?
Mit wie wenigen Sachen kann ich auskommen? Was ist mir wirklich wichtig? Wer ist mir ein Vorbild? Was würde ich der Welt sagen wollen, wenn ich nur einen Satz dafür hätte? Mehr Toleranz? Mehr Zeit zum Spielen? Wie formuliert man diese Botschaft, ohne dass es nach einem blöden guten Vorsatz oder nach Bevormundung klingt?
Was weiß ich über das Leben, was ich anderen gern mitteilen würde? Dass es wenig gibt, was man so ernst nehmen muss, wie es einem im Moment vorkommt? Dass sich das meiste wieder zum guten wendet? Gibt es eine Botschaft, die für alle Menschen gleichermaßen gilt, oder kann ich nur für die westliche Welt sprechen, weil ich mich nur dort ansatzweise auskenne?
Was will ich im Leben noch tun, wo will ich noch hinreisen, was will ich noch lernen?
Ich möchte Fallschirmspringen, vorher aber am besten einen Tandemsprung machen. Ich würde gerne tanzen lernen und jemanden haben, mit dem ich ab und zu tanzen kann. Ich möchte immer noch gerne einmal RS küssen. Ich möchte Kinder haben, auch wenn ich mich manchmal frage, warum. Ich möchte ab und zu etwas gutes tun, am liebsten etwas, wo ich meine Fähigkeiten einsetzen kann. Ich möchte kreativ sein, auch in meiner Arbeit. Ich möchte den Schwebenden Engel in Güstrow sehen und ein romantisches Wochenende in Paris verbringen. Ich würde gern noch eine Nacht an der Karlsbrücke erleben, nur diesmal mit einem Mann, der in mich verliebt ist.
Ich möchte zufrieden sein mit dem, was ich erreichte habe, mit der, die ich bin. Ich möchte mir Schritt für Schritt, Fehler für Fehler näher kommen und weiter zu der Person werden, als die die Schöpfung mich gemeint hat. Ich möchte mehr Geduld mit mir und anderen haben. Ich möchte mich ab und zu daran erinnern, dass alle Menschen schön sind, alle ihre Hoffnungen und Sehnsüchte haben und dass Toleranz und Respekt wichtig für das Zusammenleben sind.
Ich möchte mir jeden Tag bewusst machen, dass ich gesund bin, einen guten Job habe, eine schöne Wohnung, eine Familie, auf die ich mich verlassen kann und Freunde, die gern mit mir zusammen sind. Dass ich intelligent und stark bin und alle Herausforderungen meistern werde. Dass es darum geht, mich weiterzuentwickeln, aber auch ab und zu innezuhalten und einfach zu sein und zu genießen. Dass man nicht immer nur rennen und rasen muss, sondern ab und zu eine Pause einlegen kann, um sich neu zu orientieren, auszuruhen oder einfach die Sonne zu genießen.
Ich bin nicht alt, aber die Zeit, die mir bleibt, ist nicht unendlich. Ich möchte eine Arbeit tun, die mir Spaß macht und mir sinnvoll erscheint (zumindest meistens), aber ich möchte auch Zeit für mich haben, für Musik, Theater, ein gutes Buch, Treffen mit Freunden, abhängen an der Elbe oder im Café. Ich möchte mein Leben ruhiger angehen, und wenn der Stress eintritt, einen Schritt zurück machen und die Situation in Ruhe betrachten. Ich möchte leben, nicht gelebt werden.
Ich möchte mich erinnern an Situationen, in denen ich gelacht habe, in denen ich mit geschlossenen Augen in der Sonne saß, in denen ich das Meer rauschen gehört habe, in denen ein Mensch für mich da war.
Ich möchte aufhören, immer nach dem Warum zu fragen, aber niemals aufhören, Fragen zu stellen.
Ich möchte daran glauben, dass Kinder sich niemals langweilen in einer Welt, die so vielseitig und so spannend ist. In einer Welt, in der man Tiere beobachten kann, Klackermatschburgen bauen, Gummitwist oder Murmeln spielen, Gäste in Cafés nach ihren Namen fragen kann, in der noch immer nicht die Technik entscheidet, ob man einen schönen Tag hatte oder nicht. In der Onkel Fritz sitzt in der Badewanne oder Stadt-Land-Fluss nie aussterben werden, egal ob mit Krankheiten oder nicht. In der Reime sich eher fressen werden als sich nicht zu reimen. In der angefangene Sätze danach schreien, albern fortgesetzt zu werden, in der es kein Sprichwort gibt, das man nicht verstümmeln kann.
In der es immer gute Musik geben wird, die ihren Weg zu mir findet. In der leider nichts für immer ist, auch wenn man manche Momente gerne in Watte packen oder unter einer Glasglocke aufbewahren würde. Ich möchte glauben, dass all diese Erinnerungen tief in meinem Gehirn verankert sind und mir vielleicht in einem Moment, in dem ich sie dringend brauche, wieder zur Verfügung stehen werden. Dass ich dann wieder weiß, wie es war, als R. mich mit ins Kino nahm, als der Regenbogen mir die Zuversicht gab, dass alles wieder gut werden würde, als ich ein einziges himmlisches Mal lang an nichts dachte, sondern einfach nur war.
Dass die Momente, an die ich mich erinnere, nichts mit Dingen zu tun hatten, die ich besaß…
Dass es so viele gute Musik gibt, die ich hören will, gute Bücher, die ich lesen will, nette Menschen, die ich noch nicht kenne, schöne Orte, die ich noch nicht gesehen habe.
Dass es im Leben darum geht, schöne Momente zu teilen und dafür offen zu sein.
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