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Den Zug herbeitanzen

Warten auf die Deutsche Bahn: Impressionen aus einem Bahnhof in der Krise. VON CHRISTIAN BARTEL
(taz.de am 17.11.2008)

Es ist morgens kurz vor zehn am Dresdner Hauptbahnhof, und der Zug nach Bonn verkehrt heute aus betriebstechnischen Gründen über Berlin, Madrid und Emden. Aber nur der vordere Zugteil, sagt die Bahnhofsdurchsage gerade, der hintere soll kurz hinter Magdeburg abgekoppelt und als Handelsvorposten benutzt werden, damit die Ureinwohner ihre Felle gegen Schnaps und Glasperlen tauschen können. Was mit dem mittleren Zugteil geschehen soll, wisse man noch nicht, knarzt der Lautsprecher, man werde außerfahrplanmäßig im Ruhrgebiet bei einigen Altmetallhändlern anhalten und dann weitersehen.

Der Lokführer ist ausgestiegen, um seine Fahrgäste ein letztes Mal zu umarmen und ihnen Glück zu wünschen, außerdem sucht er jemanden, der sich mit Radachsen auskennt oder Ungarisch kann. Es ist ein ungarischer Zug, das erkenne ich, weil er in der Vorwendezeit oft im Fernsehen zu sehen war, und es stehen auch immer noch dieselben Leute in ihren verwaschenen Jeansjacken am Fenster, winken und freuen sich, dass sie endlich im Westen angekommen sind.

Ich helfe dem Lokführer ein bisschen bei der Übersetzung des ungarischen Handbuchs: Visszafelé heißt vorwärts, sage ich, oder rückwärts, na ja, das sieht man dann ja. Auf dem Perron gehen ein paar Leute mit dem Hut herum und sammeln Geld, sie wollen die Bahn auf eine Stunde Verspätung herunterhandeln. Die Bahn nimmt das Geld, bietet zwei Stunden Verspätung an und lässt sich dann auf 120 Minuten ein. Großer Jubel bricht aus, so etwas hat nicht mal die Lokführergewerkschaft geschafft.

Als sich die Nachricht von unserer bevorstehenden Abreise an den Lagerfeuern herumspricht, kommt Unruhe auf, Zelte werden abgebrochen, Haustiere freigelassen oder verspeist. In einigen Stunden werden nur mehr leere Bretterverschläge, verwaiste Zelte und vereinzelt herumirrende Kleinkinder an diese Siedlung erinnern, vermute ich, doch ein paar hartgesottene Pioniere scheinen sich an das entbehrungsreiche Leben hier an Gleis 14 gewöhnt zu haben.

Ich unterhalte mich mit einem ehemaligen Unternehmensberater, der wild entschlossen auf den nächsten ICE warten will. „Wohin soll es denn gehen?“, frage ich, und er antwortet milde lächelnd: „Das habe ich vergessen. Es ist aber auch nicht mehr wichtig.“ Er sei glücklich hier, sagt er, habe eine Familie gegründet und lese viel. Er holt eine zerfledderte Ausgabe der Kundenzeitschrift Mobil aus der Tasche und beginnt mit dem Tremolo eines Wanderpredigers einen Jubelartikel über Verbesserungen im Fernverkehr vorzulesen. „So steht es geschrieben“, sagt er ernst und erzählt, dass der ICE seinen Berechnungen zufolge nach der nächsten Schneeschmelze kommen wird. Das habe ihm der Lauf der Gestirne verraten, meint er und zeigt auf die surrenden Neonlichter. Im Halbdunkel entdecke ich einen Altar, auf dem eine rußende Ölfunzel das Modell eines schneeweißen, schlanken Zuges beleuchtet. „Der ICE. Er wird zu uns zurückkommen“, wispert er und erklärt, dass sie zu jeder vollen Stunde für die Ankunft des großen weißen Zuges beten würden. Er lädt mich ein, ihn zum nächsten Ritual begleiten.

Etwa 200 Männer und Frauen mit ernsten, wettergegerbten Gesichtern schreiten in würdevoller Haltung den Bahnsteig ab, sie tragen die verblichenen Reste alter Schaffneruniformen und halten Kellen in den Händen, die sie aus Holz und Pappe gebastelt haben. Die Gemeinde beginnt, auf die Abfalleimer zu trommeln, und der schleppende Rhythmus geht mir durch Mark und Bein. Eine Gruppe weißgekleideter Menschen schält sich aus der Masse und formiert sich in einer Reihe zum Tanz. „Sie sollen die Ankunft des ICE symbolisieren“, flüstert mir jemand zu. Die Trommeln werden lauter, einige Tänzer fallen in Trance und beginnen in Zungen zu sprechen: Zugdurchsagen oder Menüempfehlungen aus dem Bordbistro. Immer exstatischer werden die Bewegungen der weißen Tänzer, bald werden sie von der Gemeinde übernommen und schließlich wiegen sich alle in einer kompliziert choreografierten Neigetechnik.

Eine bucklige Alte kichert hysterisch, der junge Mann neben mir lässt sich auf die Knie fallen, die Arme gen Bahnhofsdach gerichtet. Ein anderer Mann hat sich einen Zylinder aufgesetzt, lässt sich auf den Schultern tragen und verlangt mit barscher Stimme nach Geschenken und Aufschlägen im Reisecenter. Ein Mehdorn hat von ihm Besitz ergriffen.

Schließlich setzt sich ein Teil der Menge in Bewegung, mit stampfenden Schritten umrunden sie immer wieder den Servicepoint, in dem ein Mitarbeiter der Bahn mit unbeteiligter Miene sein Leberwurstbrot verzehrt. Das Ritual nähert sich seinem Höhepunkt. Die dunkle Gestalt des Unternehmensberaters erhebt sich vor mir, reißt die Arme hoch und mit einem letzten Schlag verstummen die Trommeln. Für einen quälend langen Moment scheint die Zeit stillzustehen, er stößt einen unirdischen, heiseren Schrei aus und stürzt sich auf mich. In seiner Hand blitzt ein langes Messer. Doch bevor er zustechen kann, bekomme ich seinen Hals zu fassen und würge ihn.

„Sind Sie total übergeschnappt?“, beschwert er sich, und ich öffne die Augen. Am Bahnsteig sieht es aus wie immer: die Anzeigetafel zeigt abwechselnd eine Verspätung von fünf und 45 Minuten an, das Personal steht am Bierbüdchen und erfindet Störungen im Betriebsablauf, und die Wartenden haben eine Menschenpyramide gebaut, damit sie alle in dieses kleine, gelbe Viereck passen, wo man rauchen darf.

„Entschuldigung“, sage ich deswegen zu dem neben mir Sitzenden, „für einen Moment dachte ich, Sie seien der Hohepriester.“ – „Na ja“, sagt er geschmeichelt, „ich bin immerhin Unternehmensberater.“ Ich rücke seine Krawatte wieder gerade. „Es geht schon“, sagt er, „Die macht einen ganz fertig, diese Warterei.“ – „Wohin soll es denn gehen?“, frage ich, und er antwortet: „Das habe ich vergessen. Es ist aber auch nicht mehr wichtig.“

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