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„Die Vergessenen“ hatte am 26.08. in Frankfurt Premiere und wurde gestern im Hamburger Thalia Theater aufgeführt.

Die Rezension in der Frank furter Rundschau hat mit einigem Recht und mit einigem Unrecht.

Ja. Aber nein. Es war doch ganz anders!

Ich komme beim Lesen über Satz 2 “ Schaal unterm weißen Hemd“ schon schwer hinaus, aber warum sollen in der FR bessere Korrekturen in der Endredaktion stattfinden als z.B. im Abendblatt.

Der Rest des Artikels ist eine meiner Ansicht nach recht schlechte Zusammenfassung dessen, was Rockos Motivation war. Und nein, das Geld war keineswegs „schnell beisammen“.

Das Crowdfunding begann im Juni 2013 mit diesem Aufruf:

Die Musik in den deutschen Charts klingt so gleichförmig und einschläfernd wie in den gängigen Casting Shows im Fernsehen. Das, was wir dabei zu hören bekommen, wird in den Radios als »Mood Management« eingesetzt. Das heisst, es geht in einer zeitgenössischen Musikproduktion eher um das Organisieren der Stimmungen der Zuhörer, und vor allem darum, diese in einem ausgewogenen und zufriedenen Zustand zu halten, als um aufregende Kunst oder Musik. Und es geht immer wieder um technische Perfektion, um berechenbare Strukturen und eingelöste Erwartungen. Um hundertprozentige Oberflächen. Um austauschbare Attitüden. Nichts Fehlerhaftes, nichts Fragwürdiges soll auf dieser Porzellankuppel überleben dürfen.

Ich habe vor etwa 7 Jahren aufgehört, Platten aufzunehmen und zu veröffentlichen. Der einbrechende Plattenmarkt, das unbezahlte Downloading, die fehlenden finanziellen Mittel bei kleineren Labels machten es mir unmöglich, meine Aufnahmen so vorzunehmen, wie ich sie mir gewünscht hätte: fulminant und ausufernd, unerwartet und gebrochen, mit vielen Instrumenten und Musikern, unter, wenn möglich, experimentellen Bedingungen erarbeitet, am liebsten so, wie Morricone, oder Moondog, oder Sun Ra gearbeitet haben, oder Francois de Roubaix bei seinem sonderbaren italienischen Film «Score» von 1971.

Die Idee des Crowdfunding erscheint mir heute als eine der wenigen Möglichkeiten (wenn man sich nicht von einer großen Firma einkaufen lassen möchte), eine solche Produktion herstellen zu können. Ich möchte mich mit einem 17-köpfigen Orchester, mit Bläsern und Streichern, unter der Leitung von Sebastian Hoffmann, auf die Suche nach den Vergessenen der deutschsprachigen Musik machen. Nach den brillanten Unperfekten und ihren rissigen Liedern, Versen und Ideen, in denen es ums Zweifeln geht, ums aus der Spur geraten sein, um Ordnungsallergien und Weltekel. Und ums Vergessenwerden.

Ich möchte diese Lieder wieder auferstehen lassen – für einige Abende. Und ich möchte sie neu arrangiert aufnehmen. Ihnen die Möglichkeit geben, sich auf einer Platte neu vorstellen zu lassen, als Teil eines Schatzes, den es zu bewahren gilt.

Ihr, als Zuhörer, Fans und Konsumenten, könnt Teil dieser neuen Möglichkeit werden und mithelfen, diese Musik erneut erklingen zu lassen.

Beste Grüße Rocko

 

Ich habe das Projekt schon ziemlich früh verfolgt und weiss, wie aussichtlos es bis zu einem dramatischen Endspurt blieb.

Liebe Funder.

Es ist eigentlich unglaublich: ihr habt es gemacht! Bis vorgestern dachte ich noch: das klappt nie, aber dann fing diese beispiellose Aufholjagd an. Und jetzt sind wir schon über dem Ziel und es geht immer noch weiter! Ich und wir sind sehr dankbar. Und wir versprechen: jeder Cent geht in die Musik, nix landet irgendwo anders.

Ihr habt dem Begriff Kraut Rock eine neue Bedeutung gegeben: Crowd Rock.

(Entschuldigung, ein kleiner dummer Witz muss möglich sein.)

DANKE!!!! Rocko

 

Wie dann im Dezember ein Viertel des Budgets zurückgezogen wurde und das Projekt kurz vor dem Aus stand.

Liebe Krauts,

Jetzt, kurz vor Weihnachten, schicken wir euch News zum neuesten Stand unseres Projekts – leider sind diese nicht so erfreulich.

Die Ruhrfestspiele haben unerwarteterweise das Theater-Musik-Engagement der «Vergessenen» abgesagt, aus finanziellen Gründen.

Das heisst für uns, dass wir keinerlei Etat für die Entwicklung des Galaabends haben, den wir als Belohnung an einige von Euch in Verbindung mit unserer CD versprochen haben. Es fehlt uns an Gagen für Bühne, Kostüm, Video und vor allem für die Musiker, denn es ist kaum möglich 17 Musiker, die von dieser Arbeit leben müssen, über Wochen unbezahlt  zum Proben zu bewegen. Auch fällt der Präsentationstermin im Juni weg und ergo die Grundlage, die wir benötigen würden, um eine CD aufzunehmen. Die CD wird dementsprechend viel teurer, weil wir nicht von den „Galaabend“-Proben profitieren können, wie das ursprünglich mal angedacht und kalkuliert war.

Nichtsdestoweniger werden wir alle, die Band, das Label, die Booking Agentur und ich, mit vereinten Kräften versuchen, das Projekt zu stemmen, einen kleineren Galaabend auf die Beine zu stellen, die CD im Juni 2014 aufzunehmen und im August live zu präsentieren. Es hängt von sehr vielen Menschen und Instanzen ab, mit denen wir dabei verhandeln müssen. Drückt uns die Daumen! Wir werden uns im Februar mit dem Stand der Dinge wieder melden. Ein grosses Dankeschön für eure Geduld.

Falls es absolut nicht zu machen sein sollte, zahlen wir Euch Eure großzügigen Einlagen natürlich zurück – keine Sorge! Aber ich, bzw. wir, setzen bis jetzt immer noch auf ein Gelingen der «Vergessenen»!

Mit besten Grüßen und Weihnachtswünschen

Rocko

 

Ich kann mir vorstellen, wie aufreibend diese Zeit gewesen sein muss, wie aufwendig die Organisation von Terminen mit 15 Orchestermitgliedern und die Betreuung von über 600 Unterstützer_innen bei völliger Ungewissheit, ob das Projekt noch zu halten wäre.

 

Umso größer war die Freude, dass es Rocko und Freunden gelungen ist.

Die Vergessenen erwachen.

Von Rocko Schamoni, am 28.5.2014 11:24

Liebe Funder,

Es ist so weit: trotz des Wegfalls der Ruhr–Festspiele (was für uns bedeutet, dass wir uns keine Schauspieler, keine aufwendige Videoshow, keine extra angefertigten Kostüme, keine teuren Bühnenaufbauten leisten können) beginnen ab heute die Orchesterproben zu den «Vergessenen».

Durch die Motivation, die wir von euch erhalten haben, beginnen wir dieser Tage mit den Proben und ab dem 2.6. gehen wir in Hamburg ins Clouds Hill Studio, um die Platte aufzunehmen.

Wir haben aus vielen hundert deutschsprachigen Stücken fünfzehn der schönsten Perlen ausgewählt. Das war ziemlich anstrengend, aber auch sehr spannend. Herausgekommen ist eine sehr spezielle Auswahl von Songs mit klugen, eigenwilligen Texten, musikalisch irgendwo zwischen Filmmusik und Chanson, reich illustriert von Sebastian Hoffmann und unserem 16-köpfigen Orchester Mirage!

Mit Songs von: Manfred Krug, GUZ, Die Regierung, Lassie Singers, Ton Steine Scherben, Hildegard Knef, Jeans Team, Mutter, Romy Schneider, Saal 2, Freiwillige Sebstkontrolle, Knarf Rellöm, Caetano Veloso und Rocko Schamoni.

Ab dem Herbst werden wir dann langsam die Belohnungen an Euch versenden können. Das wird eine Weile dauern, weil Ihr so viele seid, ich hoffe Ihr bringt die Geduld auf – es lohnt sich!

Die ersten Auftritte gibt es an folgenden Terminen:

  • 26.8.Frankfurt – neu im Palmengarten (anstelle Mousonturm)
  • 27.8. Hamburg – Thalia Theater
  • 28.8. Kiel – Kieler Schloss
  • 30.8. Berlin – Deutsches Theater

Wir melden uns in den nächsten Tagen mit einem separaten Schreiben an alle, die für einen Konzertabend eingeladen sind. Ihr könnt wählen, wann ihr kommen wollt, denn es gibt – wegen der neuen Situation – keine Generalproben und kein Galaabend, dafür tolle Konzerte. Für alle, die ein Galaabend-Ticket bestellt haben: Wir stellen sicher, dass Ihr die besten Plätze kriegt an dem von euch gewählten Konzertabend. Auch bei den Empfängern des Studiobesuchs melden wir uns in Kürze mit einer separaten Mail.

Der offizielle Release der CD liegt im April 2015, ihr kriegt Eure Scheiben natürlich viel früher!

(..)

Mit besten Grüssen
Rocko Schamoni

 

Ich bin stolz und glücklich, dass es ein Jahr später zu diesen Konzerten gekommen ist.

Ja, es schmerzt mich zugeben zu müssen, es stimmt: „(…) könnte Abwechslung nicht schaden. Oder eine theatrale Komponente, ein wenig Augen- und Ohrenfutter.“

Dafür hat das Geld nun nicht gereicht, und ich bedauere zutiefst, dass keine Showtreppe zum Einsatz kam. Warum der weiße Anzug im Schrank blieb, weiss ich auch nicht. Rockos Outfit hätte tatsächlich glamouröser sein dürfen. Auch die Beleuchtung des Thalias war, einmal eingestellt, uninspiriert. Das Thalia-Theater ist eben nicht das Schauspielhaus, nehme ich an.

Auch die meisten Stücke klangen recht einheitlich, das stimmt, einheitlicher als sie das auf CD tun werden. Dazu trug auch bei, dass Rica Blunck jedes Stück gesanglich unterstützte, nicht nur die Duette.

Wirklich schlimm war der Klavierspieler mit der afrikanisches Maske, der uns vor Beginn des Konzertteils etwa 15 Minuten unterhielt. Wüsste ich nicht, dass dies beim Crowdfunding keine angebotene Belohnung war, ich hätte sein Investment auf mindestens 5.000 Euro beziffert. Wenn es Kunst war, habe ich es nicht verstanden.

Sehr gefreut habe ich mich über zwei Szenen: als Rocko ein Eimerchen auf die Bühne brachte, um hinein aschen zu können (Rauchen ist im Theater feuerpolizeilich geregelt, gell) und als alle statt Feuerzeug (schon wieder: im Theater) ihre Handydisplays leuchten ließen.

Warum insgesamt so wenig mitgegroovt wurde, weiss ich nicht. Genug Fans und Funder müssten da gewesen sein.

Ich hoffe jedenfalls, Rocko und das Orchester Mirage konnten den Abend genießen, denn was sie auf die Beine gestellt haben, ist eine große Leistung. Es ist wunderbar, wenn Rocko Musik macht, es war schön, dass wieder einmal erleben zu können. Das letzte Album war großartig, aber ich bin froh, dass es nicht das letzte bleibt.

Eine schöne Rezension des gestrigen Abends gibt es beim NDR. Und ein Video. Das klingt doch schon viel positiver als Frankfurt, gell?

Promisichtung: alle drei Fetten Brote.