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Was bleibt, ist die große Dankbarkeit, dass uns* die Wiedervereinigung geschenkt wurde, zu einem Zeitpunkt, als noch genug Menschen lebten, die sich an die Teilung erinnerten, die Verwandte auf der anderen Seite hatten, die sich nicht daran gewöhnt hatten wie wir, die weit nach dem Mauerbau geboren worden sind.

Ich bin im Westen Berlins groß geworden, ich ging zur Zeit der Wende noch zur Schule, ich kannte es nicht anders. Nein, die Mauer hat sich im Alltag nicht „beengend“ angefühlt, außer bei Reisen, für die man im Auto wie im Zug ein Transitvisum brauchte. Wo man Stunden an Grenzübergängen verbringen musste, um dann gefühlt im Schritttempo über holprige Straßen oder Geleise zu schaukeln.

Die Grenzsoldaten empfand ich als bedrohlich, in meinem Teil Berlins gab es ja nur die alliierten Streitkräfte, die außerhalb gelegentlicher Manöver und Volksfeste eher selten in Erscheinung traten.

Wir hatten nur entfernte Verwandte in der DDR, die zu einem runden Geburtstag meines Opas teilweise zu Besuch kommen durften, und die wir einmal besuchten, als ich vielleicht zwölf war.

Ich bin der festen Überzeugung, zehn oder zwanzig Jahre später wäre das Zusammenwachsen, was wir* ohnehin ja als nicht immer einfach erlebt haben, noch schwieriger bis unmöglich geworden. Ich fürchte, selbst wenn Nordkorea irgendwann zusammenbricht, aus wirtschaftlichen wie politischen Gründen, werden die Koreanerinnen und Koreaner einander nach über 60 Jahren Teilung entfremdet sein.

Die Wiedervereinigung war ein großes Geschenk, und die Zeit im November 1989 war magisch. Ganz Berlin hat gelächelt, und wer die Berliner_innen kennt, weiss, was das bedeutet 🙂

Immer, wenn im Fernsehen die Bilder von damals gezeigt werden, immer wenn Beethovens Zweite gespielt wird, bekomme ich Gänsehaut und feuchte Augen.

Immer, wenn ich an der Ost-Ostsee bin, immer, wenn ich in Berlin bin, immer, wenn ich mit „Ost“-Freund_innen zusammen bin, weiß ich wieder, wie klein unsere Welt vor der Wende war.

Meine Eltern haben beide den Mauerbau miterlebt, und trotz aller Bilder und Filme vermag ich mir nicht vorzustellen, welches Leid Menschen durch die Teilung zugefügt wurde. Wir jüngeren hatten das alles im Geschichtsunterricht, der 17. Juni war der Tag der deutschen Einheit, aber es war so abstrakt.

So abstrakt, wie es die Schulkinder heute erleben, die sich das Datum des Mauerfalls einprägen müssen, für mich unvorstellbar.

Meine Eltern haben beide den Fall der Grenzen miterlebt und sich freuen können.
Jedes Jahr im November bin ich froh und glücklich über das Geschenk, dass uns* gemacht wurde, auch wenn es bittererweise auf ein Datum fällt, das darüber nicht in Vergessenheit geraten darf, die Reichsprogromnacht.

Ich wünschte mir, dass dieses Geschenk alles auslöschen könnte, was an Ausgrenzung, Diskriminierung, Fremdenhass in Deutschland existiert. Wir haben die Wiedervereinigung nicht „verdient“, es war ein Wunder der Geschichte, die auch anders hätte enden können.

Dafür bin ich dankbar, jedes Jahr, nicht nur im November.

 

* Ich gebrauche selten „Wir“, wenn ich von Deutschland spreche. Ich fühle mich nicht als Fußball-Weltmeister oder als Papst. Ich fühle mich in Deutschland heimisch, wie ich das auch in einem anderen Land tun würde, wäre ich dort zu Welt gekommen. Aber was unsere Geschichte und unseren Umgang damit betrifft, so fasse ich mich als Teil eines „uns“ auf.

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3 Kommentare zu “Was bleibt: November 1989

  1. Das ist etwas, das für mich irgendwie verdammt weit weg ist – sowohl zeittechnisch (ich wurde ja einige Jährchen danach geboren), als auch lokal. Für mich ist Deutschland halt doch noch eine andere Welt, auch wenn wir uns näher sind, als wir meinen. Uns Schweizer betreffen ja viele dieser historischen Ereignisse des vergangenen Jahrhunderts dank unserer achso tollen Neutralität nur am Rande – weshalb wir auch selten damit konfrontiert werden. Daher fällt es mir eben schon schwer, nachzuvollziehen, was diese Mauer effektiv ausgelöst hat, was sie symbolisiert hat, und was ihr Fall für die Leute bedeutet hat.

    Da bin ich dankbar für Leute, die das in Worte fassen können und mir so zumindest ansatzweise diesen Teil der Geschichte näherbringen können. Auch wenn ich wohl nie ganz verstehen werde, was da ablief.

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  2. Owley: Wenn man nicht dabei war, ist es abstrakt, das verstehe ich gut. Die Körberstiftung hier in Hamburg bietet morgen eine Veranstaltung an zum Thema „Erinnern ohne Zeitzeugen“. Die letzten Überlebenden des Nationalsozialismus werden bald nicht mehr leben, dadurch wird sich unser Geschichtserleben und die Erinnerung an die Zeit verändern.
    Die Körberstiftung hat auch interessante Veranstaltungen rund um die Ereignisse der Wende.

    Ruediger: Danke, Ihren Beitrag hatte ich noch nicht gekannt!
    2009, ich las es eben nach, war ich so mit dem NaNoWriMo beschäftigt, dass ich nur kurz dazu geschrieben habe:
    https://weltdeswissens.wordpress.com/2009/11/09/kein-mensch-braucht-jahrestage/

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